Die meisten von uns haben sicher den Film „Papillon“ mit den glänzenden Schauspielern Steve McQueen und Dustin Hoffman gesehen. Unvergesslich sind die Szenen wo sie nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen auf einer Insel in der Karibik voller Sehnsucht auf das Meer blicken und ohne viel Worte zu gebrauchen permanent über Fluchtpläne brüten. So ungefähr, glaube ich, muss es vielen DDR-Bürgern gegangen sein, wenn sie am Kai standen in Warnemünde oder auf Rügen und jeden Tag sahen, wie die Fährschiffe der Schwedischen Staatsbahn und der Deutschen Reichsbahn hin und her fuhren. Manch einer wird sagen, dass das vielleicht übertrieben ist. Doch – ich bin sicher das es viele solcher Menschen gab. Manch einer wagte die Flucht über die gefährliche See nach Dänemark und bezahlte dies mit seinem jungen Leben.
Ich vergesse nie, den unbändigen Drang der Menschen aus der damaligen DDR endlich nach Skandinavien zu reisen. Schon am 1. Wochenende nach der Maueröffnung verteilten wir alle unsere NOVASOL- Kataloge vor dem damaligen Skandinavischen Reisebüro auf dem Kurfürstendamm. Ich transportierte unendliche Massen bei jeder Gelegenheit nach Berlin. Wir wurden damals überrannt.
Schon nach wenigen Monaten produzierten wir unseren 1. Katalog für Bürger aus der DDR. Die Fähre war kostenlos und zu einem kleinen Preis von umgerechnet 120 Euro für 1 Woche und 4 Personen boten wir unsere Ferienhäuser meist auf der dänischen Insel Falster an. Jeder verstand, dass man noch schnell seinen Trabi in Rostock auftanken musste. Der NOVASOL- Katalog war der 1. seiner Art und ich wurde damals ziemlich belächelt. Noch war Deutschland nicht wiedervereinigt. Alles war möglich. Manche waren nicht sicher ob die Sowjets abziehen werden oder ob es zu einem Bürgerkrieg kommen konnte. Aus heutiger Sicht mag dies merkwürdig vorkommen. Damals aber überlegte jeder Verantwortliche ob man es schon wagen konnte in der DDR etwas Neues aufzubauen – illegal nach dem noch geltenden DDR-Gesetzen war es sowieso. Und jedesmal wenn ich über die Grenzübergänge fahren musste oder wenn wir ein Büroraum suchten, oder sogar etwa völlig unmögliches – ein Telefon mit Auslandsanschluss, wurden uns irgendwelche Knüppel zwischen die Beine geworfen.
Frederik Heegaard, der Gründer von NOVASOL, gab uns fast freie Hände und war begeistert von unserem Enthusiasmus. Schon nach 4 Wochen erreichten wir unser Budget – alles war fast ausverkauft – natürlich hatten wir kein Geld verdient. Aber wir hatten etwas anderes entdeckt. Wir hatten plötzlich 17 Millionen Menschen gefunden, die unsere Zieldestinationen in Skandinavien mit einer solchen Inbrunst liebten und danach strebten diese zu besuchen. Es gab diese Menschen auch in Westdeutschland und vor allem in Westberlin. Wir nannten diese Leute die „deutsche Skandinavienfraktion“ in Anlehnung an die damals dominierende „Toskanafraktion“ der westdeutschen Schickeria. Mit der Öffnung der Mauer schwoll unsere „Skandinavienfraktion“ mächtig an. Ein gewaltiges Millionenpublikum drängte seitdem in Richtung Norden. NOVASOL stellte sich faktisch in den nächsten Jahren an die Spitze dieser Bewegung und wuchs von einem kleinen regionalen Ferienhausvermittler zu Nordeuropas und heute sogar zu Europas größtem Ferienhausanbieter heran. Wer heute in irgendeine Gegend von Dänemark fährt wird immer auf eines unserer Servicebüros treffen. Und inzwischen sind wir überall in Europa vertreten – selbst in der schönen Toskana.
Doch als nächstes fragten wir damals die Ostdeutschen, wo sie sonst so hingereist sind und was ihre Wünsche waren. Unsere ostdeutschen Kollegen öffneten uns damals die Türen in all die Länder, die sie hinter der Mauer bereisen konnten. Auch dort etablierten wir uns. Von Ostberlin nach Prag, nach Stettin und schließlich an den Balaton überall öffneten wir schnell nach dem Mauerfall unsere Filialen. Der Mauerfall setzte bei unseren Mitarbeitern eine enorme Energie frei.
Aber warum diese Sehnsucht der damaligen DDR-Bürger für den Norden? Was waren eigentlich damals die eigentlichen Triebkräfte für diesen unbändigen Drang Skandinavien zu bereisen? Natürlich wollten damals alle sofort alles bereisen und natürlich als erstes vor allem den „Westen“ Deutschlands, Westberlin eben das deutsche Vaterland. Dafür haben viele alles riskiert und dafür haben Millionen Menschen gekämpft.
Und doch – irgendwie schlummerte im Unterbewusstsein auch eine Art Skepsis was jetzt auf die neuen Bundesbürger zukommen würde. Am Anfang war die spontane Freude die alles überwältigte. Doch dann gab es eine Periode von gewaltigen Veränderungen im Leben der ehemaligen DDR-Bürger. Die Wessis und das westdeutsche System bekamen dafür unendlich viel Schelte. Helmut Kohls Ankündigung von den „Blühenden Landschaften“ wurde zum gesamtdeutschen Spott.
Dänemark und Skandinavien aber stiegen im Ansehen umso mehr. Diese Länder waren sozusagen die Repräsentanten der „heilen Welt“. Eine Welt zwischen dem „bösen westlichen Kapitalismus“ und dem „demokratischen Sozialismus“. Das „schwedische Modell“, das „Dänische Modell“, das „finnische Schulmodell“ – all dies wurden idealisierte Wunschvorstellungen.
Es entwickelte sich aber eine „innige Liebe“ der gewaltig angewachsenen „Skandinavienfraktion“ in Deutschland. Im Urlaub im Ferienhaus entspannte und erlebte sich dieser Traum an den Küsten Skandinaviens jedes Jahr aufs Neue. Später in den Jahren der Wirtschaftskrise wanderten sogar viele Ostdeutsche (dann auch Westdeutsche) aus oder arbeiteten zeitweise in Skandinavien. Auch sie machten fast ausschließlich gute Erfahrungen in der skandinavischen Fremde.
Heute sind die Beziehungen der Ost- und Westdeutschen zu den skandinavischen Ländern vorbildlich. Die Länder Skandinaviens sind weiter Vorbilder. Und in Ostdeutschland erstrahlen (fast unbemerkt) die „blühenden Landschaften“ mit den ersten dänischen Ferienhäusern. Bei all unseren tagtäglichen Krisen und Problemen vergessen wir diese einzigartige deutsch-skandinavische Erfolgs- und Liebesgeschichte.